Neugierde - Geduld - Erfahrungen
Mit dem Aufstieg in die 1. Bundesliga ergaben sich für mich mehrere Optionen. Letztendlich entschied ich mich für die größte Herausforderung. Mein gewohntes Umfeld in Kaiserau und Gütersloh verlassen. Noch weiter weg von Zuhause. Allerdings zu einemn aufstrebenden Verein, mit vielen guten und erfahrenen Spielerinnen vor meiner Nase. Das Gesamtkonzept des VfL Wolfsburg machte mich neugierig. Und Neugierde ist für mich immer eine wichtige Triebfeder. Ich war 17 Jahre jung, talentiert und ambioniert. Wird schon schiefgehen, so dachte ich.
Drei Jahre verweilte ich in Wolfsburg, mit Höhen und Tiefen, die viel von mir abverlangten. Alles in allem erlebte ich eine sehr schöne Zeit, gestützt von wahren Freundschaften, einigen Erfolgen, vielen Erfahrungswerten, Leistungsoptimierung und einer Menge Geduld, die irgendwann nicht mehr auszuhalten war. Denn ich erreichte nie den persönlichen Status, den ich mir erhofft hatte.
Das erste Jahr war in meinen Augen überragend. Ich lernte, mich über mein Talent hinaus noch gezielter weiter zu entwickeln. Den Fokus komplett auf den Fußball zu legen. Ganz eigenständig zu wohnen und leben. Den Mehrwert von engen Freundschaften innerhalb eines Teams voller Konkurrentinnen zu spüren. Härter zu trainieren. Persönliche Befindlichkeiten hinten anzustellen. Und am Ende der Saison belohnt zu werden. Mit ausreichend Spielzeit und drei Titeln im Gepäck. Deutsche Meisterin, DFB-Pokalsiegerin und Champions-League-Siegerin durfte ich mich nennen. Ein ganze Tüte voller Glücksgefühle, ich hatte Lust auf mehr. Viel mehr. Meine Familie war stolz, ich war stolz und auf einem guten Weg.
Im zweiten Jahr stiegen meine persönlichen Ansprüche, die nicht richtig befriedigt werden konnten. Mit der Zeit definierte ich mich nur noch über meine Einsatzzeit, die mir im Großen und Ganzen zu wenig erschien. Ich trainierte mehr, wurde reifer, aber konnte mich nicht wirklich als Stammspielerin durchsetzen. Ich kämpfte mit mir und war am Ende einfach unzufrieden, auch wenn wir letztendlich zwei weitere Titel holten. Zwischenzeitlich verletzte ich mich, fiel ein paar Monate aus und genoss die Rehazeit. Durchatmen. Kein Druck. Zeit, um sich zu besinnen und das Beste draus zu machen, nachdem die Krücken endlich weg waren. Die Reha stärkte meinen Körper und meinen Kopf rechtzeitig zur U20-Weltmeisterschaft in Kanada, bei der ich als Kapitänin auflaufen durfte.
Zurück in Wolfsburg ging es steinig weiter. Lange Geschichte, kurzer Sinn. Beim Abpfiff des letzten Spiels in Frankfurt verloren wir die deutsche Meisterschaft. Ich saß auf der Bank und heulte mich in den Armen meiner angereisten Familie aus. Im DFB-Pokalfinale, welches wir deutlich gewannen, bekam ich ebenso keine Spielzeit, machte aber eine gute Miene zum bösen Spiel. Das war es dann für mich. Ich brauchte einen Tapetenwechsel...
Dennoch bin ich für die Erfahrungen, die ich in Wolfsburg sammeln durfte, sehr dankbar. Das Positive überwog. Die Gier nach dem mannschaftlichen Erfolg, die Bestrebsamkeit, das Beste aus sich rauszuholen und das Verlangen, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, die man lange zurückgehalten hat.